Ursprünglich wollte ich mit meinem ebenfalls motorradbegeisterten Schwager eine Tour durch die Alpen, nach Ligurien und zurück unternehmen. Als sich abzeichnete, dass es bei ihm nicht klappt, fing ich an neue Mitfahrer zu suchen und inserierte dem entsprechende Beiträge in einigen Foren.
Fast in letzter Minute meldeten sich dann 2 Interessenten. Wie sich später herausstellte Glückstreffer in beiden Fällen. Mit Bernd, einem GS-Q-Treiber aus München, verabredete ich einen Treffpunkt am Bodensee. Oliver aus der Nähe von Landau in der Pfalz, der ebenfalls mit einer XTunterwegs war, machte einen Endurolehrgang in Südfrankreich und wollte von dort aus zu uns stoßen. Auf der Fahrt zum Bodensee war ich sehr gespannt ob Bernd dann wirklich dort sein würde. Wenn man jemanden nur über das Internet und von ein paar Telefonaten kennt, kann man ihn noch nicht wirklich richtig einschätzen.
Ich kam mit ein paar Minuten Verspätung am vereinbarten Treffpunkt an und war erleichtert, als ich sah, dass Bernd dort bereits auf mich wartete. Wir fuhren an dem Tag noch bis nach Filzbach am Walensee.
Am nächsten Tag, der leider total verregnet war, fuhren wir über den Klausenpass und dann über den Gotthard-Pass, um dort ein wenig Sonnenschein zu geniessen. (Ich kann nur jedem raten in den Spitzkehrenam Klausenpass höllisch aufzupassen, die sind heimtückischerweise mit extrem rutschigem Kopfstein gepflastert. Bei feuchter Witterung muß man sein Fahrzeug um die Ecke tragen). Dann ging es den herrlich zu fahrenden Nufenenpass hinauf, wo es auf der Paßspitze leider wieder feucht und nebelig war. Nach der Abfahrt wollten wir uns dann wieder die Furka hinaufschrauben, konnten aber bereits von unten erkennen, dass auch hier das Wetter weder schöne Aussicht, noch flotte Fahrt zuläßt.
So nahmen wir dann die 19 bis nach Brig und fuhren von dort aus den Simplonpass hinauf. Wir übernachteten in Simplondorf preiswert (€24,--) und gut im Hotel Fletschhorn.
Am Abend taten wir noch was für die Synapsen, was dazu führte, dass wir bei fortgeschrittenem Alkoholpegel sahen, dass die Assietta eigentlich nur wenige Zentimeter von Ligurien auf der Italienkarte entfernt war.(Hicks). Sofort wurde beschlossen diesen winzigen Umweg in Kauf zunehmen. Am nächsten Tag ging es dann weiter, die Simplon Passstraße hinab und dann auf der Autobahn Richtung Turin, bis nach Susa.
Bernd fand auf der vollkommen leeren Autostrada Zeit für ein paar Aufnahmen.
In Susa angekommen parkten wir auf dem Marktplatz und versorgten uns mit Wasser und einer vernünftigen Umgebungskarte. Von hier aus hatte man bereits einen Blick in die richtige Richtung.
Dann ging es los. Über endlos scheinende Haarnadelkurven auf einer engen Straße, die dann in eine Schotterpiste überging, schraubten wir uns den Colle delle Finestre hinauf. Überraschender Weise begegnete uns hier ein Porschefahrer. (Kein Cayenne SUV, oder wie dieser Geländekübel für Profilneurotiker auch immer heißt). Ich schätze, der Unterboden bedurfte anschließend einer gründlichen Revision.
Oben angekommen wurde dann erst einmal eine Aufnahme mit Selbstauslöser gemacht:
Wie man den Bildern entnehmen kann, hatten wir fantastisches Wetter. Die Assietta war trocken und gut zu befahren. Einige wenige seichte Pfützen stellten kein Hindernis dar.
Am Gipfel findet sich ein Monu-ment, von dem aus ein phänomenaler Panoramablick geboten wird.
Eine letzte Aufnahme vor der herrlichen Bergwelt, dann ging es wieder hinab in Richtung Sestriere.
Auf der Abfahrt hatten wir dann beide einmal Bodenkontakt. Ich kippte in einer Haarnadelkurve auf Schotter um und prellte mir den Knöchel dermaßen, dass ich schon das Ende der Reise befürchtete. Bernd legte sich dann solidarisch, ebenfalls in einer Kurve quer, als wir bereits wieder Asphalt unter den Reifen hatten. Zu seiner Ehrenrettung sei gesagt, dass er nicht abstieg wie ich, sondern die Q funkenspeiend auf dem linken Zylinderschutzbügel liegend über den Teer rutschte, sich dann einmal kurz schüttelte und anschließend wie von selbst wieder auf die Räder begab. Ein Stunt, der wahrscheinlich nicht reproduzierbar ist.
Am späten Abend kamen wir dann in unserem Standort in Ligurien an. Torria liegt ca. 10km hinter der Hafenstadt Imperia in den Bergen. Aufgrund unseres kleinen Umweges über die Assietta legten wir an diesem Tag 560 km zurück, davon 35 km auf Schotter. Uns tat der Hintern weh und am Abend verputzten wir erst einmal ein Kilo Spaghetti um wieder zu Kräften zu gelangen.
Mit Bernd unternahm ich einige schöne Touren im Hinterland . Da ich mich in der Gegend bestens auskenne, konnte ich ihm die schönsten Schleichpfade zeigen. Oliver kam erst ein paar Tage später aus der Provence angereist.
Dann bereiteten wir uns auf die Überquerung der ligurischen Grenzkammstraße vor. Ich selbst hatte die LGKS bereits 1990 mit einem normalen VW Passat Kombi befahren. Das ganze geschah seinerzeit mehr zufällig und in Unkenntnis der Bedingungen, aber irgendwann war dann der "point of no return" erreicht und wir schafften die Passage tatsächlich. Unser Auspuff blieb allerdings auf der Strecke. (Ich möchte an dieser Stelle jeden davor warnen es heute noch mit einem normalen PKW zu versuchen, der Weg ist seither nicht besser geworden! 2008 bin ich noch einmal im Renault Kangoo über die LGKS gekrochen, der hat jedoch auch einen relativ hohen Radstand.) Schon damals faszinierte mich sowohl die Strecke, als auch die unglaublich schöne Bergwelt und ließ mich den Entschluß fassen, es zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal mit einer Enduro, oder einem geländegängigen Allrader zu versuchen.
Am 13. 06 war es dann soweit. Bernd weckte uns um 5:30 Uhr in der Frühe und scheuchte uns auf die Moppeds. Wir fuhren über Pieve di Tecco und bogen am Colle di Nava links in Richtung Monesi ab. Obwohl 15 Jahre seit meinem letzten Besuchvergangen waren, fand ich den Einstieg direkt wieder.
Das Wetter war ok, trocken und nur ein paar harmlose Wolken am Himmel.
Zunächst befuhren wir einen Versorgungsweg für Liftanlagen, der aus aneinandergereihten Betonplatten besteht. Dieser wird zu einem Waldweg mit Naturboden, der immer mehr Schotter aufweist, je höher man kommt. Der Schotter wird dann extrem grob, sobald man die Baumwipfelgrenze überschritten hat.
Im Gegensatz zur Assietta, die immer wieder fahren im sitzen gestattet, kann hier fast nur im stehen gefahren werden. Das erfordert auch häufigere Pausen, die für Fotoshootings genutzt werden.
Motive gibt es in Hülle und Fülle.
Wir hatten 2 Befürchtungen. 1., dass das Wetter umschlägt und 2., dass die LGKS aufgrund des langen Winters noch nicht komplett passierbar ist. Befürchtung 2 schien sich zu bestätigen. Ungefähr 7 km. vor dem Grand Central Fort fanden wir das vor:
Wir wollten das Ende der Etappe (noch) nicht akzeptieren und versuchten die Schneeverwehung zu umfahren. Wir scheiterten jedoch daran Bernd's Q auf die andere Seite zu bringen. Sie war einfach zu schwer. Bernd bot uns dann fairerweise an, dass er alleine zurückfährt und wir es ohne ihn versuchen sollten. Ganz wohl war uns nicht dabei, denn wenn einer alleine vom Mopped fällt, muß er evtl. lange auf Hilfe warten. Wir vereinbarten also regelmäßigen Kontakt über Handy. Wie dumm das war, merkten wir erst, als wir den Kontakt zum ersten mal herstellen wollten. Da oben gibt es nämlich keine Mobilfunkmasten, ergo alles ein großes Funkloch. Zu unser aller Glück ging aber alles gut.
Oliver und ich kamen jedoch nicht sehr weit. Nach ca. 4 km erwartete uns erneut eine Schneeverwehung. Diesmal an einer so steilen Stelle, dass eine Umgehung unmöglich war. Wir mußten das akzeptieren, uns der Gewalt der Natur beugen und den Rückweg antreten.
Zu allem Überflüß traf jetzt auch unsere 1. Befürchtung ein. Das Wetter schlug von jetzt auf gleich um, es begann leicht zu regnen und wurde so nebelig, dass die Sicht teilweise nur noch 5 m betrug.
Gegen 18:00 Uhr kamen wir total ausgepumpt wieder in Torria an. Obwohl wir unser Ziel nicht ganz erreicht hatten, waren wir doch sehr zufrieden mit diesem erlebnisreichen Tag. An dieser Stelle nochmal mein Dank an Oliver und Bernd, die sich als tolle Typen erwiesen und den richtigen Teamspirit für dieses Abenteuer mitgebracht haben.
Bernd mußte uns am nächsten Tag leider Richtung Heimat verlassen, er hatte geschäftliche Termine. Oliver blieb noch einen Tag länger und fuhr dann Richtung Südfrankreich, wo er noch ein paar Freunde von seinem Enduro-Lehrgang treffen wollte.
Am Wochenende machte ich mich dann auch auf die Heimfahrt. Ich fuhr die Küstenautobahn von Imperia bis nach Nizza, bog dort auf die N202. Je weiter man sich von Nizza entfernt, desto schöner wird die Landschaft. Hinter Entrevoux folgte ich der Route des Grandes Alpes in Richtung Barcelonnette. Im Ausgang der Daluis-Schluchten hat sich hier ein breites ausgetrocknetes Flussbett gebildet.
Auf der winkeligen Straße oberhalb der Daluis Schlucht entlangfuhr, hielt ich alle paar Meter zum fotografieren an. Es fanden sich unzählige lohnende Motive.
Die Felsen reflektieren rötlich in der Sonne.
Im Tal windet sich der Var zwischen den Felsen. Der Strecken-abschnitt ist auch bei Kanusportlern sehr beliebt.
Ein letzter Blick in die Schlucht und weiter ging es über den Col de la Cayolle auf dem sich ettliche Radfahrer abmühten. Die Passhöhe liegt 2327m über dem Meer und oben angekommen gönnte ich meiner XT und mir eine Pause. Bemerkenswert ist, dass auf der ganzen wunderschönen Route nur sehr wenig Verkehr ist, was ein zügiges Vorankommen gestattet.
Ich fuhr weiter, bog vor Barcelonnette auf die D900 links ab in Richtung Gap. Zwischen Remollon und Tallard führt dann eine kleine Strasse rechts von der D900 nach Gap ab. In Gap ging es auf die D994 bis nach Veynes und von dort in Richtung La Faurie auf die N75. .Von der N75 bog ich links ab auf die D359 über den Colle d. Grimone. Dieser kleine Pass ist nicht spektakulär, aber landschaftlich durchaus reizvoll. Bis auf 2 Autos traf ich auf keine weiteren Verkehrsteilnehmer. Im Tal angelangt fährt man durcheine sehr schöne Schlucht. Ab hier sieht man dann die eigentümlichen Gebirgsformationen des Vercors in der Hochdauphine.
Weiter in Richtung Die, im Vercors, ist jede Paßfahrt ein lohnendes Erlebnis. Colle de la Bataille, Colle de Rousette, Colle de la Machine u.v.a..
Ich empfehle jedem der mal in die Gegend kommt sich diese Straßen ausgiebig zu Gemüte zu führen.
Nach diesem Tagespensum war ich hungrig und müde. In Pont en Royans fand ich einen Zeltplatz, der zwar sehr idyllisch an einem breiten und ruhigen Flussbett lag, dessen sanitäre Anlagen jedoch total versyfft waren. Positiv war nur, dass ich spät an- und früh abreiste, was eine Bezahlung mangels Anwesenheit von Kassenpersonal ausschloss.
Blick in die andere Richtung.
Im Ort gabelt sich die Straße und ich bog links auf die D531 in die Bourne Schluchten ab.
Die Strasse ist ziemlich eng und verläuft teilweise wie eine Nut in dem hellen Kalkstein.
Am Anfang noch relativ breit, wird die Schlucht zu ihrem Ende hin immer enger.
Die D531 führt bis nach Grenoble. Von dort aus nahm ich die Autobahn bis zur Schweizer Grenze bei Genf, und fuhr die Westschweiz über Land in Richtung Heimat, dem Ende dieses Reiseerlebnisses entgegen.
Was bleibt sind viele schöne Eindrücke, an die ich mich immer wieder sehr gerne zurück erinnere.