Nach den guten Erfahrungen des letzten Jahres suchte ich erneut im Internet Kontakte für eine gemeinsame Ausfahrt mit Gleichgesinnten in die Alpenregion. Diesmal reagierte ich auf eine Anzeige eines XTlers ausLörrach im XT Forum, der gemeinsam mit einem Kumpel Richtung Susa fahren - und von dort aus ein paar alte Militärstraßen in Erkundung nehmen wollte. Nach einigen eMails hin und her einigten wir uns auf einTreffen am Schweiz/Italienischen Grenzübergang auf dem Großen St.Bernhard am 14.08.2006.
Aufgrund des Tiefdruckgebietes, welches im August 2006 ganz Mitteleuropa beeinflußte, geriet die diesjährige Tour zu einer Art Wassersportveranstaltung. Dennoch gab es auch diesmal ein paar Highlights. Das erste sogar gleich ganz zu Beginn der Fahrt.
Es passte mir sehr gut, dass der Ténéré-Club Rhein-Neckar am 11.08. zum 20.Ténéré-Treffen bei Worms geladen hatte und ich dieses Ereignis in meine Tour einbauen konnte. Ich hatte bereits viel gutes über diese Veranstaltung - und die Leute, die sie ausrichten gehört, war aber selbst zuvor noch nie dort gewesen. Nach einer wunderschönen Fahrt auf kleinen und kleinsten Nebenstraßen in Eifel und Hunsrück, erreichte ich gegen 17:00 den Treffpunkt, ein Reitturniergelände in Pfeddersheim.Trotz miserabler Wetterprognose war ich fast trocken geblieben. Erst 10km vor meinem Ziel kam ich in einen kurzen Schauer. Ein paar Teilnehmer waren schon vor mir angekommen und nahmen mich gleich freundlich in Empfang.
Kaum hatte ich mein Zelt aufgestellt, fing es an unaufhörlich zu regnen. Dies konnte der guten Stimmung unter den Anwesenden nichts anhaben.Man sammelte sich unter dem Dach der Stallungen im Eingangsbereich, unterhielt sich miteinander und begrüßte jeden weiteren Neuankömmling mit großem Hallo. Es kamen im übrigen nicht nur Fahrer und Fahrerinnen mit Ténérés, sondern auch Endurobesitzer mit ihren MZ's, Honda's, BMW's und sogar KTM's, wobei die Mehrheit durchaus auf Yamsen unterwegs war.
Die äußerliche Feuchtigkeitsaufnahme ging sehr bald mit einer innerlichen einher und je später der Abend, desto unterhaltsamer die Geschichten, die erzählt wurden. Was mir besonders gut gefiel war, 1. dass man nicht von lärmender Musik zugedröhnt wurde und sich deshalb ausgezeichnet unterhalten konnte, 2. keine Profilneurotiker anwesend waren, die unangenehm mit Burnouts oder ähnlich pubertärem Schwachsinn auffielen und 3. das Niveau der Teilnehmer insgesamt. Bei soviel Wohlgefallen wurde es folglich sehr spät, bzw. früh bis ich irgendwann in mein Zelt kroch und in einen Tiefschlaf fiel.
Am nächsten Morgen gab es erstmal einen starken Kaffee, bevor eine Platzrunde zwecks Besichtigung des Fuhrparks unternommen wurde. Es waren viele tolle Fahrzeuge vor Ort. Umbauten aller Art, wie z.B. Wüstenschiffe mit 50 l Tanks und auch wunderschöne "Oldtimer", (die in Wahrheit heute noch so ähnlich in Indien hergestellt werden):
Den Veranstaltern muß man für die gute Organisation und die prima Atmosphäre ein großes Lob aussprechen. Gerne wäre ich noch länger geblieben, schließlich ging die Veranstaltung noch bis Sonntag, aber ich hatte ja eine Verabredung in den Alpen, also packte ich gegen 11:00 meine sieben Sachen und fuhr weiter. (Ich habe mir allerdings feste vorgenommen 2007 für die komplette Veranstaltung wieder zu kommen).
Bei wechselhaften Wetterbedingungen fuhr ich über die Autobahn bis kurz vor Basel, bog vor dem Grenzübergang auf die Landstraße nach Frankreich ab und fuhr von Frankreich aus in Burg über die Schweizer Grenze. Ich hatte keine Vignette und plante auch gar nicht die Schweizer Autobahnen zu befahren. In Delémont schlug ich auf dem dortigen Campingplatz mein Zelt auf. Kaum hatte ich den letzten Hering in den Boden gepflockt, fing es an zu regnen.
Am nächsten morgen hatte der Niederschlag noch an Intensität zugenommen. Es regnete nicht nur, es goß in Strömen. Zu allem Überfluß hatte ich am Tag zuvor meinen Motorradständer unbemerkt auf meinem rechten Regenüberschuhe abgestellt und ein riesiges Loch in ihn gefetzt, als ich einen Schritt zurück machen wollte. Ich packte also mein nasses Zelt und den übrigen Kram ein, zog die Regenkombi an und fuhr los in Richtung Biel. Sichtweise ca. 50 m - 100 m, Luftfeuchtigkeit gefühlte 110%. Nach 30 Min waren die Socken im rechten Fuß feucht, nach 2 Stunden stand das Wasser im Stiefel. Und es wollte einfach nicht aufhören zu regnen. Ich quälte mich über Freiburg und Bulle, quer durch Montreux bis nach Martigny. Hier hörte der Regen endlich auf und zum ersten mal an diesem Tag kam so etwas wie Spaß auf, als es daran ging über die Serpentinen Richtung Großer St. Bernard hinauf zu jagen. Kurz vor dem Paß , in Liddes übernachtete ich für 40 Franken (!!!) im Hotel du Grand-St-Bernard.
Nachdem ich mich selbst eine halbe Stunde lang zum aufwärmen unter die heisse Dusche gestellt hatte, packte ich mein Zelt aus, hängte das Überzelt über der Brausetasse auf und breitete das Innenzelt unter dem geräumigen Doppelbett aus. Es roch zwar etwas modderig, aber am nächten Morgen war alles trocken. Die nette Hotelbesitzerin hatte mich am Abend noch mit alten Zeitungen ausgestattet, die ich in meinen Stiefel stopfte, so dass dieser am nächsten Tag wieder tragbar war. Nach dem Aufstehen öffnete ich die Fenster-Klappläden um das aktuelle Wetter zu checken. Es war der 14.08. und es regnete nicht mehr, ...es schneite.
Gesättigt von einem guten Frühstück bezahlte ich, packte mein Zeug zusammen und fuhr den Großen St. Bernard hinauf, wo ich auf meine Mitfahrer aus Lörrach wartete, die um 12:00 eintrudelten.
Christian und Andrej waren am Morgen losgefahren und über die Autobahn gekommen, Christian's XT hatte massive Vergaserprobleme und schluckte nach eigenen Angaben mindestens 10 l auf 100 km. Ohne Acerbis Tank war somit spätestens alle 130 km ein Tankstop angesagt. Gute Reisebedingungen. Egal, wir fuhren den Pass talabwärts Richtung Aosta.
Da kein allzu dichter Verkehr auf dem Pass herrschte und die Strecke trocken war, -es hatte längst aufgehört zu schneien-, konnte ich es den Pass hinab richtig fliegen lassen und meine Stimmung hellte auf. In Aosta hielten wir uns rechts und fuhren in Morgex auf einen engen gut versteckten Pass, der uns über den Mt. Charvet auf den Kleinen St.Bernard führte. Der Kleine St. Bernard ist landschaftlich reizvoller und abwechslungsreicher als sein großer Bruder, allerdings herrschte hier auch schon deutlich mehr Verkehr.
Weiter ging es in wilder Kurvenkratzerei über den Mont Valezan. Die Serpentinen machten einfach wahnsinnigen Spaß sowohl bergauf wie auch hinab. Die Passhöhe liegt in einer Hochebene auf einer langen Geraden, die ich zum verschnaufen nutzte.
Im Tal angekommen folgten wir der Route des Grandes Alpes in Richtung Val d`Isère. Hierbei passiert man noch ein paar andere häßliche Retortenorte, die allesamt dem Alpintourismus zu verdanken sind. Einen imposanten Anblick hingegen bietet der Lac du Chevril mit seiner großen Staumauer.
Hinter Val d'Isere endlich wieder ein schöner Pass. Der Col de l' Iseran führte uns bis auf 2354 m in die Höhe und bot jede Menge Fahrspaß aber leider nicht nur so gute Sicht wie auf dem nächsten Bild.
Am Gipfel war es ziemlich schattig und ich streifte mir meinen Regenkombi über meinen Sommeranzug.
Über den Col du Mont Cenis ging es dann nach Italien unserem Ziel entgegen.
Die Abfahrt nach Susa war herrlich und in den Kurven sorgten die Fußrasten immer wieder für Funkenflug. In Susa kamen mir Erinnerungen an das letztjährige Abenteuer auf der Assietta., aber wir hielten uns nicht auf und fuhren direkt weiter.
Knapp 30 Minuten später waren wir an unserem Ziel, dem Campingplatz Gran Bosco kurz hinter Salbertrand. Ich war zutiefst beeindruckt. Der Campingplatz bestand aus einem eher traditionellen Teil, -für "normale" Camper und Wohnmobilfahrer -, sowie einer Wiese, auf der schätzungsweise 80 - 100 Enduristen aus allen Teilen Europas den Platz unter sich aufteilten. Es herrschte ein prima Klima und gleich am ersten Abend fanden sich einige nette Leute zum fachsimpeln. Vom Campingplatz aus konnte man direkt auf die Hügelkette schauen, hinter der sich auch der Jafferau verbarg.
Der Platz liegt für Endurotouristen perfekt. Die Schotterpisten des Jafferau, der Assietta und des Sommeiller, sowie viele weitere Routen liegen unmittelbar vor der Haustüre. Die sehr empfehlenswerte Campinganlage befindet sich direkt rechts neben der Landstraße zwischen Salbertrand und Quix. Die Übernachtung kostete 13€ pro Nacht. (1 Person, 1 Zelt, 1 Motorrad).
Am nächsten Morgen ging es sehr spontan direkt nach dem frugalen Frühstück, welches aus einer Tasse Kaffee bestand, auf den Jafferau. Die Einfahrt erfolgte in Salbertrand. Der Weg ist nur die ersten paar Meter asphaltiert, gefolgt von leichten Schotter, der mit der Höhe immer grobkörniger wird. Ich hatte diesen Sommer Michelin Tourance Reifen aufgezogen, mit denen die Fahrerei ziemlich anstrengend war. Empfehlenswerter sind hier gute Allrounder und noch besser natürlich echte Grobstoller. Das Wetter war überraschender Weise richtig gut und man hatte einen schönen Blick ins Tal.
Nach den Schotterserpentinen gelangten wir auf ein Plattau mit herrlichem Rundblick. Hier entschlossen sich Christian und Andrej zu einer Routenänderung, der ich mich nicht anschließen konnte.
Ich fuhr also alleine unterhalb eines Bergkammes weiter, an dessen Ende ich bereits von weitem einen kleinen Tunnel sehen konnte, aus dem jedoch kein Weg hinaus zu führen schien. Hatte ich mich etwa verfahren? Mitnichten, was folgte war ein Thrill der Extraklasse. Direkt hinter dem kleinen Tunnel war quer durch den ganzen Berg ein weiterer, ca 400m langer und sehr schmaler Tunnel gebohrt, der sich dadurch auszeichnete stockfinster zu sein, gerade so hoch war, dass man ihn nur knapp auf den Krallen stehend durchfahren konnte und aus dessen Decke permanent Wasser tropfte, welches sich in großen Pfützen sammelte, von denen man nur ahnen konnte wie tief sie waren. In jedem Fall war das sehr spannend und sorgte bei mir für einen anständigen Adrenalinpegel.
Auf der anderen Seite angekommen führte der Weg dann wieder über den Kamm zurück. Von dort aus hat man einen Blick auf die Strecke, die man zuvor bewältigt hatte.
Fast alle Schotterpässe haben eine militärische Vorgeschichte. Frankreich und Italien waren sich um die vorletzte Jahrhundertwende herum nicht besonders grün und unterhielten überall in den Bergen Forts und Befestigungsanlagen für deren Versorgung diese Wirtschaftswege eingerichtet wurden. Die Ruinen aus dieser Zeit können hier auf fast jedem Hügel besichtigt werden.
Heute sind sie beliebte Ziele für Fahrer von Enduromaschinen und Geländefahrzeugen, sowie Mountainbikern, Wanderern und Reitern. Man kann sich kaum vorstellen was dort oben für ein Trubel herrscht und nicht jedem hier scheint das zu passen, wie eine Inschrift auf einer Ruine belegt.
In Bardonecchia kam ich wieder auf eine Landstraße die nach Quix führte.Ich besorgte mir im nächsten Supermarkt etwas zu essen und zu trinken und fuhr zurück zum Campingplatz. Nachdem ich mich satt gegessen hatte, fiel ich erstmal in einen tiefen Schlaf, aus dem ich erst in den frühen Morgenstunden erwachte. Das prasselnde Geräusch, dass der Regen auf der Zeltplane verursachte war mir ja schon bekannt, neu jedoch war der Anblick der sich nach dem öffnen des Innnenzeltes bot. Mein Biwak war von einem kleinen See umgeben auf dem meine Halbschuhe, kleinen Böötchen gleichend, umherschwammen.
Ich war ziemlich angefressen und wollte keinen Regen mehr sehen. Also packte ich den nassen Krempel zusammen, band alles am Motorrad fest, verabschiedte mich von den Lörrachern und rauschte ab Richtung Mittelmeer, der sicheren Sonne entgegen. (Wie man sich täuschen kann).
Ich fuhr zunächst nach Briancon, dessen markante Festungsanlage schon von weitem zu sehen ist. Eigentlich ein geeignetes Fotomotiv, jedoch war ich zu faul meine Regenhandschuhe auszuziehen. In Briancon nahm ich die Abzweigung zum Col `d Izoard. Die Strecke windet sich zunächst entlang des Flüßchens Carveyette, geht dann in einen flachen Anstieg über, der in eine nicht enden wollende Serpentine mündet. Gerade mal 2 Autos waren außer mir unterwegs und bei guter Sicht wäre alles perfekt gewesen.
300 m vor der Passhöhe wurde ich von einer hübschen Schäferin mit Ihrer Herde ausgebremst, die sich über die letzten beiden Kurven verteilten. Im Schritttempo ging es quer durch die blökenden Viecher.
Auf dem Gipfel hielt ich kurz an. Eine Motorradclique aus Österreich machte hier ebenfalls Station und einer von ihnen bot sich an eine Aufnahme von mir zu machen.
Kurz hinter der Passhöhe fielen mir diese skurilen Felsen ins Auge, die wie Zahnstümpfe aus dem Boden ragen.
Inzwischen hatte ich die Schlechtwetterfront hinter mir gelassen, zumindest regnete es nicht mehr. Aber es war immer noch stark bewölkt und die Aussicht ließ nach wie vor sehr zu wünschen übrig. Ich fuhr weiter in Richtung Col Agnel. Die Straße ist in einem ziemlich lausigen Zustand, also genau richtig für eine XT.
Hier war erstaunlich viel los, aber wenn die Autofahrer meine Silhouette im Rückspiegel ausgemacht hatten, ließen sie mich auf der engen Strecke passieren. Die Südländer sind da eben anders als die hiesigen Dosenbesitzer.
Nach der Abfahrt ging es weiter über Cueno und Ceva und von da aus quer durch das ligurische Hinterland . Gegen 15:00 hatte ich das Haus meiner Eltern in Torria erreicht und fand 2 Überraschungen vor. Die schlechte war, dass unser Haus nach einem Unwetter unter Wasser gesetzt war und die ganze Brühe einen ziemlichen Dreck hinterlassen hatte. Die gute war, dass am selben Abend Ferragosto im Dorf gefeiert wurde. Zu diesem traditionellen Fest, dass um diese Jahreszeit in allen Gemeinden gefeiert wird, setzen sich die Dorfbewohner und Gäste des Ortes am Abend zusammen, erzählen, essen und trinken, wobei es herrliche Landesspezialitäten gibt, die zum Selbstkostenpreis angeboten werden. Dazu spielt immer eine Kapelle, in der Regel italienische Folklore und Schlager, diesmal jedoch, - surprise, surprise -, eine Bluesband. Es wurde ein sehr netter Abend und alleine deshalb hatte sich der Abstecher ans Mittelmeer gelohnt.
Am nächsten Tag wollte ich eigentlich mein Glück noch einmal auf der LGKS versuchen, wurde jedoch erneut vom (Un)wetter ausgebremst. Es schüttete wie aus Eimern und so verbrachte ich den Tag mit Hausputz und Frustbekämpfung mittels erstklassigen Rotwein. Ich entschied mich dazu, am nächsten Tag die Heimreise anzutreten.
Der nächste Morgen überraschte mit herrlichem Sonnenschein und azurblauem Himmel. Ich überlegte meine Entscheidung rückgängig zu machen, sagte mir dann aber, dass ich das Wetter für die Fahrt nutzen sollte, was letztendlich auch richtig war. Ich fuhr über Land bis nach Ceva und von dort auf die Autobahn in Richtung Turin/Aosta. Aufgrund der Niederschläge war die Luft glasklar und bereits von Ceva aus konnte man die Alpen in ihrer ganzen Pracht erblicken. 2 Stunden später war ich wieder auf dem großen St. Bernard, der sich diesmal in seiner ganzen Postkarten-Schönheit präsentierte.
Hinab ging es bis nach Martigny und weiter nach Aigle, von wo aus ich in Richtung Gstaad abbog. Diese Strecke ist auch empfehlenswert, die Strasse ist in sehr gutem Zustand, jedoch hielten mich ziemlich viele Autos und Busse auf, auch wenn auf dem folgenden Bild nichts davon zusehen ist.
Wer sich hier zu lange aufhält, den kann es schlimm treffen. Ein Schweizer Trophäensammler hat sich dieses Fundstück in seinen Vorgarten gestellt.
Von Gstaad aus fuhr ich über Thun, Bern und Basel nach Deutschland und übernachtete kurz hinter der Grenze. Am nächsten Morgen schien zwar nicht mehr die Sonne, ich konnte jedoch immerhin trocken bis nach Hause fahren. Ich hatte mein Mopped gerade abgesattelt und in die Garage gestellt, als der Himmel wieder seine Schleusen öffnete.